Prellbock

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Hier am Prellbock gibt's Skurriles, Lustiges und Seltsames rund um die Eisenbahn und deren Szene. Hier werden Satire, Karikaturen und heitere Faksimiles aufgefangen und sollen den strengen Betriebsalltag auflockern. Und auch hier ist Ihre Mitarbeit gefragt: Wenn Sie was Entsprechendes haben, gehen Sie an diesen KontaktSchalter!




DIE VERKEHRTE FAHRKARTE

Ab und zu häufen sich Veröffentlichungen von Kurzgeschichten, Anekdoten und Gedichten aus dem Eisenbahn(er)alltag. Dabei ist den Verfassern oft kein "Erlebnis" zu banal oder hanebüchen, um es nicht einer geplagten Leserschaft vorzusetzen. Ob der Schaffner seine Brille vergessen hatte und deshalb keine Fahrkarten kontrollieren konnte oder ob die Wurststulle des "Meisters" natürlich mit der belegten Seite nach unten auf den schmutzigen Boden des Dampflok-Führerstandes fiel und vom Heizer verfeuert wurde – alles wird zunächst in dramatischen Worten geschildert, um dann oft als pointenlose Enttäuschung zu enden. Analog dieser literarischen Plage aus unserer Szene hier drei exklusive Kurzgeschichten von Joachim Seyferth aus dem prallen Eisenbahnerleben und nach "wahren Begebenheiten", eine aufregender und abenteuerlicher als die andere:



Die verkehrte Fahrkarte

Es begab sich anno 1971 im Eilzug – ich glaube, es war der 3343 – zwischen Saarbrücken und Trier. Am Morgen hatte es geregnet, doch dann kam die Sonne durch und lachte über den Himmel. Die Fahrgäste im besagten Eilzug aber hatten nichts zu lachen. Denn neben Zugführer Dudenhauser hatte Zugschaffner Pieper Dienst und Pieper war nicht nur äußerst korrekt, sondern flößte durch seine massige Gestalt und einen schneeweißen, mächtigen Rauschebart jedem Fahrgast Respekt ein. Pieper besserte sein mageres Beamtengehalt ein Mal im Jahr durch Weihnachtsmann-Einsätze für jedermann auf. Hinter der rauhen Schale steckte ein harter Kern, Schwarzfahrer konnten – ausgesetzt an die frische Luft – ein Lied davon singen.

Als Pieper zwischen Dillingen und Beckingen das große Silberling-Großraumabteil im zweiten Wagen betrat und sein barsches "Fahrkarten vorzeigen!" grollte, verstummten schlagartig die Gespräche der Reisenden. Ein jeder kramte in seinen Taschen und holte das verlangte Billet hervor. Sogar die resolute Rentnerin, die sich eben noch zugluftgestört bei ihrem Nachbarn über das einen Zentimeter geöffnete Fenster beschwert hatte, hielt ihren Schnabel. Pieper schritt bedächtig durch den Gang und prüfte Fahrkarten und Fahrgäste mit stechendem Blick. Ein junger Mann mit langen Haaren hielt ihm die Fahrkarte entgegen und Pieper erstarrte.

Es wurde noch stiller im Wagen und man hätte – der Zug fuhr gerade über eine Langsamfahrstelle – eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Piepers Gesicht wurde augenblicklich krebsrot, seine Füße wippten und sein Rauschebart erzitterte. Die Atmosphäre im Zug war explosiv, die verbrauchte Luft spannungsgeladen, keine BLÖD-Zeitung raschelte mehr. Pieper starrte auf die Fahrkarte, musterte den jungen Mann, der nicht so recht begriff, wie ihm geschah. Die Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit und Pieper wurde dunkelrot. Da! Plötzlich drehte der junge Mann mit einem entschuldigenden Blick die Fahrkarte herum. Sofort wich die unnatürliche Farbe aus Piepers Kopfhaut, der Bart beruhigte sich und – oh Wunder – über sein Gesicht huschte ein mildes Lächeln. Die knisternde Atmosphäre vertrocknete und mit hörbaren Seufzern atmeten alle übrigen Fahrgäste auf. Pieper lochte die Fahrkarte und schritt – sichtlich entspannter – zum nächsten Opfer.

Was war geschehen? Gedankenverloren hatte der junge Mann Pieper aus Versehen die unbedruckte Seite der braunen Pappfahrkarte vorgezeigt! Erst als er endlich – nach langen und bangen Sekunden – seinen Fehler bemerkte und die Fahrkarte herumdrehte, konnte Pieper die bedruckte Aufschrift lesen und seine Prüfdienste in Gang setzen. Das war noch einmal gutgegangen! Um eine Erfahrung reicher, zeigten alle Fahrgäste fortan ihre Fahrkarte richtig herum – wer weiß, wie unser Zugschaffner Pieper ein zweites Mal reagiert hätte!



Der Schlüssel

Es begab sich anno 1964 – ich glaube, es war kurz vor Ostern – in der Bundesbahnübernachtung Wanne-Eickel Rangierbahnhof. Zu dieser Zeit war eine Mark noch eine Mark, das Wetter war schöner und die Eier waren billiger. Bundesbahnsekretär Bobbel, Eisenbahner von der Pike auf, hatte sich vom Wagenbüro zur Rezeption des Bundesbahn-Übernachtungsgebäudes versetzen lassen. Da saß er nun Nacht für Nacht und teilte den armen Eisenbahnern, die die dunkelsten Stunden des Tages nicht in den heimatlichen Federn verbringen konnten, ein karges Zimmer mit durchgehangenem Bett und defekter Heizung zu. Der Nachtdienst machte Bobbel nichts aus – im Gegenteil, in der Ruhe des ausklingenden Tages konnte man bei einer Brause oder einem Glas Nesquick oft ein gemütliches Schwätzchen mit den Kollegen halten. Oft machte ein Witz die Runde, dann hielten sich die "Nachtschwärmer" am Tresen der Rezeption fest, bogen sich vor Lachen und die Bierbäuche wackelten.

Hinter Bobbel hing ein großes Schlüsselbrett für die vielen Zimmer und eines Abends geschah es. In der Bundesbahn-Übernachtung war Hochbetrieb und die Eisenbahner gaben sich die Klinke in die Hand. Bobbel verteilte Schlüssel für Schlüssel und plötzlich, ehe er sich’s versah, fiel ein Schlüssel wie ein Stein zu Boden und blieb regungslos liegen. Bobbel reagierte blitzschnell, hob den Schlüssel auf und hing ihn wieder an seinen Haken!

Noch lange erinnerte sich Bobbel an dieses Missgeschick, das noch einmal glimpflich ausgegangen war. Heute ist Bobbel pensioniert und widmet sich in seinem Garten mit Vorliebe den – Schlüsselblumen! Ja, Kollegen wissen sogar zu berichten, dass er so manche Nacht in seinem Gartenhäuschen übernachtet!



Die Lok, die es nicht geben durfte

Lokführer Bauerkemper war wie alle Berufskollegen ein gewissenhafter Mann. Dienst war Dienst und Schnaps war Schnaps. Wie schon so unzählige Male vorher, trat er eines Morgens – ich glaube, es war Anfang Mai 1983 – vor den Schalter seiner Lokleitung in Bebra, denn Meister Bauerkemper war auch in Bebra "beheimatet":

"Morgen, Banane!" rief Bauerkemper dem Lokleiter zu. Dieser wurde von den meisten Lokführern so genannt, weil ihm alles Banane war. Wer ihn ärgern wollte – aber das wollten nur wenige – schickte ihm einfach einen EDS-Umschlag mit alten Bananenschalen. ‘Banane’ war fast alles egal; mit steter Gleichförmigkeit versah er seinen Dienst und als Beamter konnte er es sich schon mal erlauben, Loks oder Züge zu vertauschen oder Lokführer zum Dienst einzuteilen, die gar nicht verfügbar waren. Trotzdem war ‘Banane’ beliebt, denn er war nicht so hektisch wie die anderen Lokleiter und immer zu einem Schwatz aufgelegt.

"Morgen, Du Bauer!" rief er Bauerkemper zu und fügte verschmitzt hinzu: "Du fährst heute die 150 000, steht auf Gleis 186 im Hof!"

"Du hast wohl ‘ne Meise", spottete Bauerkemper, "verarschen kann ich mich selber! 150 000 gibt’s nicht, rück’ die richtige Nummer raus oder es gibt Bananenmus!"

"Wenn ich’s Dir sage, gibt es doch!" Sprach’s und schob dem verdatterten Lokführer den Lokschlüssel zu. ‘150 000-9’ stand da auf dem schmalen Blechstreifen am Schlüsselbund und Bauerkemper beäugte die Schlüssel so argwöhnisch wie die Auslagen im Erotik-Shop Bebra West.

"Mach schon", rief der Lokleiter, "der 53312 hat schon Einfahrt! Schnapp’ Dir die Maschine und sattel die Hühner!"

"?+#:-$*???"

"Guck’ nicht so blöd, die Lok gibt’s wirklich! Hab’ ich Dich schon jemals belogen?"

"Nur! Immer!" fand Bauerkemper seine Sprache wieder. Er starrte wieder den Schlüssel an und packte seine Tasche. "Wo? 186? Ich komme gleich wieder und meld’ mich krank! Such’ Dir schon mal ‘nen anderen, nicht mit mir!"

Mit einer Mischung aus Verunsicherung und jovialem Kollegenjux – schließlich war ‘Banane’ bekannt für solche Spielchen – verließ Bauerkemper die Lokleitung. ‘Wenn nur der Schlüssel nicht wäre – vielleicht gibt es die Lok ja doch’, dachte er und kam sich vor wie ein Clown, der in die Manege geschickt und sogleich ausgelacht wird.

Bauerkemper bog um den Lokschuppen – und fiel aus allen Wolken! Groß und breit stand die Lok vor seinen Augen: 150 000! Ein Betriebsarbeiter war gerade dabei, mit einem langstieligen Besen die Frontscheiben der Maschine zu reinigen. Bauerkemper blieb wie angewurzelt stehen und starrte mit scheunentorgroßem Mund auf die Loknummer. Das war zuviel! Dem armen Lokführer schossen tausend Gedanken durch den Kopf: Träumte er? Hatte er Drogen genommen? War er überhaupt Lokführer? War er verrückt? Oder war es ‘Banane’?

"Ist Deine Fressleiste kaputt?" fragte der Betriebsarbeiter, denn Bauerkemper stand immer noch mit offenem Mund da. Der schien nun zu erwachen und hätte den ominösen Lokschlüssel beinahe als Wurfgeschoss auf den armen Fensterputzer missbraucht. "Was is’n das für ‘ne Lok?" schrie Bauerkemper und war völlig aufgelöst. Hatte ‘Banane’ ihn gar nicht an der Nase herumgeführt oder war das ganze nur ein höchst perfides Spiel?

"Gell – so viele Nullen, und wenn Du im Führerstand bist, hat die Lok fünf Nullen!" entgegnete der Betriebsarbeiter und schüttelte sich vor Lachen. "Ist ganz neu hier, die Bahn muss sparen und die billigste Lok ist die, die es gar nicht gibt, haha!" Bauerkemper machte eine wegwerfende Handbewegung und stieg auf die Lok. Der Schlüssel passte! Wortlos rüstete er die Maschine auf und polterte auf die Drehscheibe. Auch auf der anderen Seite der Lok hieß es unverkennbar: 150 000!

Das Geheimnis um die Lok, die es eigentlich nicht geben durfte, ist nie gelüftet worden. Irgend etwas an der Sache muss dennoch faul gewesen sein, denn in seinem langen Berufsleben hat unser braver Lokführer die Lok nie mehr gesehen. Und wie war das, als ‘Banane’ bei der letzten Betriebsfeier in der Kantine schenkelklopfend über eine ‘Geisterlok’ witzelte und dabei so merkwürdig zu Bauerkemper herüberschielte?

Am nächsten Tag verschloss Bauerkemper einen zerknitterten EDS-Umschlag äußerst sorgfältig und adressierte ihn an die Lokleitung. Der Inhalt: alte Bananenschalen ...


(Übrigens: Heute gibt's zumindest eine 000-Lok, nämlich bei der Reihe 482 von SBB Cargo. Lokleiter 'Banane' war also wie immer seiner Zeit voraus!)




DIE MAGNETBAHN IST TOT - ES LEBE DIE SATIRE!

Wie aus der Karikaturenfibel "Eisenbahn mit Herz" der Deutschen Bundesbahn aus dem Jahre 1973 ersichtlich ist, sah man schon damals kritikwürdige Begleitumstände beim Magnetbahnbau:







AM ENDE

In einer Rubrik, die Prellbock heißt, darf natürlich auch ein Prellbock nicht fehlen. Hier sehen Sie Bär Struppi (eher selten heißen auch Hunde so) gefangen in einem Prellbock an der Aartalbahn zwischen den Stationen Waldstraße und Wiesbaden-Dotzheim. Und wie Sie auch sehen, hat Struppi mit dem Rauchen aufgehört und ist trotzdem am Ende.







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