Zeitschrift SCHIENE

Eisenbahn - Verkehrspolitik - Reisekultur:

Natur, Mensch und Eisenbahn: Schon das Titelfoto der ersten SCHIENE-Ausgabe zeigte die Philosophie einer neuen, anderen Eisenbahnzeitschrift auf, deren Intention es war, die Eisenbahn als naturschonendes und humanes Verkehrsmittel zu beschreiben, zu bewahren und zu fördern (Baumblüte, Streckenläufer und Güterzug bei Wiesbaden-Schierstein). Typisch für SCHIENE war somit auch die Bildsprache, die wirkliche Photographie statt der weit verbreiteten schnöden "Ablichtung" bevorzugte. Daher auch die bewusste Reduktion auf Schwarzweiß, dessen Zwischentöne ungleich mehr Facetten und Ausdruck hervorrufen als ein farbloses Buntbild.



Es gab einmal eine Eisenbahnzeitschrift ohne Baureihenmeldungen, ohne Umlaufpläne, ohne technische Abhandlungen zu Tenderdrehgestellen, ohne Modellbahnteil und ohne farblose Buntbilder: SCHIENE. Die anno 1982 neue und "andere" Eisenbahnzeitschrift bildete selbstbewusst und innovativ einen Gegenpol in der etablierten Eisenbahn-Presselandschaft, deren Erzeugnisse sich (nicht nur damals) einander sehr ähnelten. Viel zu kurz kamen in den anderen Medien bis dato die Verkehrspolitik, gesellschaftliche Aspekte des Eisenbahnwesens sowie die Kunst - also all das, was man auch mit "Kultur" umschreiben könnte. Folgerichtig wurde auch der anfängliche SCHIENE-Untertitel "Forum für aktive Verkehrspolitik" in "Eisenbahn - Verkehrspolitik - Reisekultur" umbenannt.

SCHIENE stellte sich also ein wenig quer, und das nicht nur im Denken: Auch das ungewohnte Querformat sollte schon äußerlich diesen Ansatz vermitteln, denn das gängige DIN A4-Zeitschriftenformat mochte preisgünstig und stapelfreundlich sein - auffällig und inspirierend war es nicht. Schließlich sind auch Eisenbahnen und ihre Wege mit einer gewissen Länge behaftet und das neue Format gestattete vor allem, das gängige Fotoformat (quer) formatfüllend und ausdrucksstark wie bei vielen Bildbänden auf einer ganzen Seite zu präsentieren.

Ja, überhaupt die Fotos: Die dienten in SCHIENE hauptsächlich dazu, eine vermeintlich trockene Thematik (Verkehrspolitik) aufzulockern. Denn bisherige verkehrspolitische Schriften waren meist öde Bleiwüsten, für den Benutzer anstrengend und für Außenstehende gar langweilig. Das typische SCHIENE-Foto sollte zeigen, dass die Eisenbahn auch und gerade ein schönes, wenn nicht gar sinnliches Verkehrsmittel ist und dass sich alleine deshalb das Engagement für sie lohnt. Die Bildsprache von SCHIENE war der rote Faden, der in allen 27 Jahrgängen von den Lesern goutiert wurde und der nicht nur die Verkehrspolitik ein wenig anschaulicher machte. Und während viele andere Eisenbahnzeitschriften stolz auf ein einziges "Bild des Monats" oder "Das besondere Bild" waren, erfüllte in SCHIENE fast jedes Bild dieses Attribut.

Doch innovativ war SCHIENE auch beim Text: Kein Häppchen-Journalismus, sondern viele ausführliche und tiefgründige Hauptartikel. Dazu gab's neue und SCHIENE-typische Rubriken wie zum Beispiel "Initiativen", "Fr?gebogen" oder "Abfahrt/Ankunft"). In SCHIENE zunächst eingeführt und später auch von anderen Eisenbahnzeitschriften übernommen wurden die "Streckenmeldungen", also aktuelle Einzelmeldungen nicht über Baureihen, sondern über die einzelnen Eisenbahnstrecken in Deutschland. Überhaupt gehört es heute zum guten Ton vieler Eisenbahnzeitschriften, dass dort auch mehr oder weniger intensiv über Verkehrspolitik berichtet wird - vor SCHIENE war dies fast undenkbar.

Legendär ist auch der Begriff "Zweigstrecken", der von SCHIENE erfunden wurde (weil Nebenstrecken nicht nebensächlich sind!) und mittlerweile gleichberechtigt neben dem alten Begriff steht (seinerzeit sorgten alternative Verkehrspolitiker dafür, dass von "Zweigstrecken" auch im Bundestag und anderen Institutionen gesprochen wurde).

Veränderte Lesegewohnheiten, neue Informationsmedien, eine gewisse "neue Oberflächlichkeit", Interessensverlagerungen bei den Lesern und manches mehr führte im Jahre 2008 zur Einstellung von SCHIENE - zu groß und teuer wurde der Aufwand, eine "andere Eisenbahnzeitschrift" für einen "harten Kern" von engagierten und intelligenten Eisenbahnfreunden zu publizieren. Doch der Geist und ein Teil von SCHIENE lebt weiter - in SCHIENE-GALERIE: Jährlich gibt es eine Foto-CD mit 100 Farb- und Schwarzweiß-Photographien im legendären SCHIENE-Stil und loyal zum alten gedruckten Medium. Neugierig? Informieren Sie sich hier:
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Und wie wurde im fernen Frühjahr 1982 im ersten Heft selbst die Herausgabe von SCHIENE begründet? Unter der Überschrift "Ein neues Konzept - von Inhalten, Trends und Absichten" konnte der neugierige Leser unter anderem Folgendes erfahren:

"Es ist im wahrsten Sinne des Wortes 'höchste Eisenbahn' für eine verkehrspolitische Wende zugunsten der Schiene. Doch noch ist diese Wende nicht in Sicht: Stillegungen von Zweigstrecken und Fahrplanausdünnungen sind aktuell wie nie zuvor, Fahrpreiserhöhungen folgen in nie gekannten Abständen. Noch immer beherrscht eine eisenbahnfeindliche Lobby quer durch die Parteien, Gewerkschaften und Industrie verkehrspolitische Entscheidungen: Schiffahrtswege, Flugplätze und das Straßennetz werden zu Lasten der Eisenbahn weiterhin ausgebaut. Doch diese einseitige und kurzsichtige Verkehrspolitik ist mitschuldig an unserer heutigen ökologischen und ökonomischen Krise; trotzdem erhält die Eisenbahn noch immer nicht die verkehrspolitische Würdigung und Bedeutung eingeräumt, welche sie als sicherstes, sparsamstes und umweltfreundlichstes Verkehrsmittel verdient hätte.

Doch je unvollkommener, je einseitiger und je fragwürdiger politisch Verantwortliche handeln, desto mehr schließen sich Betroffene zusammen und bilden Initiativen, welche einen korrigierenden Einfluß auf die Politik ausüben wollen. Auch für den Bereich der Verkehrspolitik ist diese Tendenz besonders deutlich zu beobachten und gerade in letzter Zeit sind zahlreiche Stimmen laut geworden, welche in der Öffentlichkeit für die Bahn sprechen und sich um eine zukunftsorientierte Verkehrspolitik zugunsten der Schiene bemühen. SCHIENE möchte diese Stimmen auffangen, verstärken und weiterverbreiten, möchte ein überregionales Sprachrohr für schienenbezogene Verkehrspolitik sein und aktiv an diesen Interessen mitwirken.

SCHIENE spricht im weitesten Sinne alle Freunde der Eisenbahn an. Und das sind nicht nur die Eisenbahnfreunde im herkömmlichen Sinne, sondern ebenso die zahlreichen überzeugten Bahnbenutzer und all jene, die sich in irgendeiner Weise für den Schienenverkehr einsetzen. All diese an der Eisenbahn Interessierten könnten zusammengenommen bereits eine Lobby für die Bahn bilden und somit zu einem starken Befürworter einer Verkehrspolitik werden, welche dem Schienenverkehr wieder die notwendige Priorität einräumt."





Erste Leserbriefe zu SCHIENE:


"Mit Begeisterung las ich Ihre SCHIENE 1/82. Endlich mal ein Gremium, das sich mit der Eisenbahn als Verkehrsmittel beschäftigt und dieselbe nicht nur als Nostalgieobjekt betrachtet." (Klaus Bihlmaier)


"Als Verfechter der Eisenbahn als Verkehrsmittel war es für mich eine Genugtuung, endlich eine Zeitschrift in Händen zu haben, die es sich zum Ziel macht, für eine Renaissance der Eisenbahn als sicherstes, wirtschaftliches und bequemes Verkehrsmittel einzutreten. Leider wurde in der Eisenbahnfreundeliteratur bisher viel zu wenig auf die beängstigende Zukunft der Eisenbahn in der BRD eingegangen, vielmehr wurde die Eisenbahn als 'Spielzeug im Maßstab 1:1" behandelt, ohne die politischen Hintergründe ernsthaft in Augenschein zu nehmen." (Erhard Ditz)


"Heute erhielt ich SCHIENE 1/82. Mein Urteil dazu mögen Sie daran erkennen, daß ich das Heft fast 'in einem Zug' durchgelesen habe. Ich kann wirklich nur wünschen, daß diese wirklich 'alternative' Eisenbahnzeitschrift weiteste Verbreitung findet, wenn sich auch vielleicht ein gewisses Potential relativ unkritischer Eisenbahnfreunde - ich kenne (leider) solche auch - nicht für diese Zeitschrift begeistern wird, da sie zum Mitdenken und -handeln auffordert.

Ein weiteres Lob auch für die Fotos, die völlig neue Perspektiven der Eisenbahnfotografie deutlich machen, wenn sie auch z. T. Geschmackssache sind. Viele Aufnahmen zeigen, daß sich Eisenbahnromantik nicht auf alte Fahrzeuge beschränken muß. Ich habe fest vor, diese Anregungen auch bei meiner Motivwahl stärker zu berücksichtigen.

Beeindruckt hat mich auch der Bericht '32 Minuten Deutsche Bundesbahn', der in krasser, aber realistischer Form wirklich die Diskrepanz aufzeigt, die zwischen der Technik und dem Service bei der DB besteht - gleichzeitig aber auch - durch die gekonnt gebrachte IC-Fahrtbeschreibung - die Faszination wiedergibt, die die moderne DB noch haben kann." (Markus Engel)


"SCHIENE ist die einzige Zeitschrift, die ich als Eisenbahner ungeniert meinen Kollegen zeigen kann, ohne gleich als 'Eisenbahnfreund' belächelt zu werden." (Knut Schelenz)





Letzte Leserbriefe zu SCHIENE:


"Natürlich war ich nicht erfreut über die Nachricht, daß Sie die Herausgabe der SCHIENE zum Jahreswechsel einstellen mußten, auch wenn ich für die angeführten Gründe viel Verständnis habe. Im Laufe der Jahre war Ihre Zeitschrift für mich eine feste Größe geworden, die ich immer wieder gern zur Hand nahm, besonders wegen der vielfach ausgezeichneten Fotos. Ich wünsche Ihnen, daß Sie mit einem neu zugeschnittenen Verlagsprogramm wirtschaftlichen Erfolg haben und zugleich die Freude an der Sache nicht verloren geht. Widersprechen möchte ich Ihrer Einschätzung, daß 'das 27-jährige Experiment mit einer anspruchsvollen und intelligenten Eisenbahnzeitschrift [...] als gescheitert betrachtet werden' kann. Bei mir persönlich hat die SCHIENE durchaus etwas 'bewegt', und ich bin sicher, daß andere Leser das ähnlich sehen. Der mangelnde Verkaufserfolg hat doch viel damit zu tun, was sich in den letzten 27 Jahren in unserem Land verändert hat: Die Erosion staatlicher Handlungsfähigkeit, die von pseudo-liberalen Kräften in dieser Zeit planvoll forciert wurde, macht sinnvolles politisches Handeln nicht nur im Verkehrsbereich inzwischen vielfach unmöglich. Ich bin sicher nicht der einzige langjährige SCHIENE-Leser, der angesichts dieser Entwicklung vollkommen resigniert hat. Zur Kündigung des SCHIENE-Abonnements ist es dann nur noch ein kurzer Schritt." (Egbert von Steuber)


"Die Nachricht über das Ende der SCHIENE hat mich, wie Sie sich denken können, wegen des kulturellen und menschlichen Verlustes, der mit der Einstellung der SCHIENE verbunden ist, außerordentlich schockiert. Wenn ich auch die in Ihrer Mail vorgebrachte Argumentation im Ganzen (leider) nachvollziehen kann, muss ich Ihnen in einem Punkt energisch widersprechen, nämlich im Hinblick auf die Behauptung, das 'Experiment mit einer anspruchsvollen und intelligenten Eisenbahnzeitschrift' könne 'wohl als gescheitert betrachtet werden'. Das hätte man so sehen müssen, wenn schon nach zwei oder drei Ausgaben der SCHIENE mangels ausreichenden Erfolgs wieder Schluss gewesen wäre. Aber eine Zeitschrift, die 27 Jahre lang auf einem kompromisslos hohen Qualitätsniveau erschienen ist und die in diesem Zeitraum auch eine Art moralischer Instanz darstellte, muss auf jeden Fall als ein voller Erfolg betrachtet werden. Wenn dann schließlich aufgrund veränderter Rahmenbedingungen eine Fortführung nicht mehr möglich erscheint, dann tut das dem Ansehen des Produkts, bei allem Bedauern über die aktuelle Entwicklung, im Rückblick keinen Abbruch mehr. Die über 150 erschienenen Hefte sind ja von vielen Menschen gelesen worden und haben in unserem 'kulturellem Gedächtnis' bleibende Spuren hinterlassen." (Georg Beck)


"Schade, Joachim - Deine SCHIENE war so eine ehrliche Trasse ... Ich werde sie sehr vermissen." (Wolfgang Löckel)


"Ich weiß nicht mehr, wie ich zu der SCHIENE gekommen bin, sicher war ich nicht vom ersten Heft an dabei, bestimmt war es aber eine lange Zeit. Und trotzdem sehe ich SCHIENE noch immer als das neue Medium am Markt der zahlreichen Eisenbahnpublikationen, als die wohltuende und notwendige Alternative zu den vielen bunten Heften mit vielen noch bunteren Bildern. Die Zeitschrift war ob des kritischen und politischen Inhalts aber eine ganz andere Klasse, denn sie wandte sich an diejenigen, für die Eisenbahn nicht nur ein Spielzeug war, die verkehrspolitische Hintergrundinformationen suchten, sich einsetzen und etwas bewegen wollten. Für mich war SCHIENE immer anregend, Ideen gebend und wohltuend, erschöpfte sich nicht nur in der Kritik, sondern zeigte auch Lösungen auf und hatte immer auch einen anderen Blick auf die Bahn, eben diesen speziellen Blick des Machers, der dahinter stand. Ich möchte mich mit angemessener Trauer für alles Engagement über die vielen Jahre bedanken, wenngleich ich wohl nicht erahnen kann, was an Aufwand für ein einziges Heft erforderlich ist, von dem finanziellen Wagnis ganz zu schweigen. Da wird wohl so manches Opfer gebracht worden sein.

Ich teile uneingeschränkt ihre Einschätzung der Lage, auch für mich (seit 1988 bewusst autolos) geht die Verkehrspolitik in die absolut falsche Richtung. Konnte man vielleicht im ausgehenden 20. Jahrhundert kurze Zeit auf eine Renaissance des Schienenverkehrs hoffen, so beschleunigt sich dessen Talfahrt nunmehr unaufhaltsam. Inkompetenz auf der Regierungsbank und im Parlament paart sich mit Großmannssucht eines zu kurz geratenen Bahnmanagers, der, warum auch immer, Narrenfreiheit genießt. Eine übermächtige Auto- und Werbeindustrie verkleistert und vernebelt dazu den Bürgern die Hirne. Da braucht ein Auto nur grün angestrichen zu sein, schon glauben die Leute, da ist Öko drin. Und wenn dann noch die arbeitsmarktpolitische Totschlagskeule gezeigt wird, sagen alle nur noch Ja und Amen." (Wilfried Helmbrecht)






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Jahrgänge 1982-2008

Text aus Heft 3/2000

Text aus Heft 4/2001

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